Lieblinge unter der Lupe: Laufwerk Reed Muse 3c – Reibrad in Vollendung

Reed Muse 3c High End Laufwerk im Test bei Bohne AudioSchreiben wir diesmal über ein Plattenspieler-Laufwerk! Nicht irgendeines, sondern eines der innovativsten: den Reed Muse 3c. Aber darf man nur über ein Laufwerk schreiben, wo man doch weiß, dass es nur einer von vier Schlüsselfaktoren für eine möglichst perfekte analoge Wiedergabe-Kette ist? Tonarm und Tonabnehmer sowie Phonovorverstärker und Tonabnehmer müssen gut zueinander passen, das haben wir bereits in unseren Beiträgen zum Phonolab und zur Kombination von Tonarm und Abtaster erläutert. Und – ja, wirklich! – in Sachen Phono spielt tatsächlich auch die Verkabelung eine Rolle.

Welcher Einfluss bleibt dann noch für ein Laufwerk übrig? Nun, Hersteller von Laufwerken sagen oft, dass mit einem guten Laufwerk die Bedeutung von Tonarm und Abnehmer sinkt. Hersteller von Tonarmen sagen aber ebenso häufig, dass ein sehr gut führender Tonarm, der perfekt auf den Abnehmer justiert werden kann, etwaige Schwächen des Laufwerks ausgleicht. Und ein Händler, der sich v. a. auf den Verkauf von Tonabnehmern konzentriert hat, sagte mir vor einigen Jahren "ganz im Vertrauen", dass es eigentlich nur auf den Abtaster ankommt, der Rest ist reine Designsache.

Praktische Erfahrungen mit der Kombination von Plattenspieler Laufwerk, Tonarm und Tonabnehmer

Wir sagen aufgrund unserer Erfahrungen, dass alle drei o. g. Behauptungen einen Wahrheitsanteil enthalten. Aber gleichzeitig behaupten wir, dass keiner recht hat und nur eigene Interessen verfolgt. Wenn man zusammenzählt, hat der Autor dieses Beitrags in den letzten 10 Jahren mehr als 15 Laufwerke besessen oder intensiv hören dürfen, dazu kombiniert 10 Tonarme und 20 Tonabnehmer. Zumindest ist damit ein gewisses Fundament für eine glaubwürdige Praxis-Einschätzung gegeben. Und diese war immer sehr differenziert.

So ist es absolut erstaunlich, was ein exotischer Arm wie der Well Tempered Ltd. aus einem Decca Tonabnehmer herausholt, auch im Vergleich zu deutlich teureren Konkurrenten. Weil er mit seiner Silikon-Golfball-Dämpfung einfach perfekt zu den an sich "zickigen" Tonabnehmern von der Insel passt. Ebenso erstaunlich ist, dass Laufwerke aus der Hochzeit der Plattenspieler (z. B. Kenwood KD-550 oder noch viel besser: Kenwood KD-750) mit einem guten Tonabnehmer aktuelle Konstruktionen dermaßen an die Wand spielen. Man kann dann kaum glauben, warum sich viele Leute stattdessen einen preislich nicht unbedingt günstigeren "Brettspieler" anschaffen. Denn ein solcher hinkt allein vom Materialwert und der Verarbeitungsqualität den Heroen der späten Siebziger und frühen Achtziger Jahre deutlich hinterher.

Lange Rede, kurzer Sinn: ein Laufwerk hat großen Einfluss auf den Klang einer Analogkette. Wenn man nun Laufwerke bewertet, sollte man zumindest mehrere davon mit dem gleichen Tonarm und Tonabnehmer vergleichen. Was wir natürlich ausgiebig getan haben, bevor wir den Reed Muse 3c als Referenzlaufwerk für unser Hörstudio auserkoren haben.

Kriterien für ein gutes Plattenspieler Laufwerk

Betrachtet man das Plattenspieler Laufwerk alleine, gibt es einige Kriterien, die es auf High End Niveau oder eben darunter spielen lassen. Und man glaubt gar nicht, wie gut bestimmte Kandidaten in Testberichten wegkommen, deren faktische Werte zu wünschen übrig lassen.

Geräuschspannungsabstand und Reibradantrieb

Wie bei einem guten Phonopreamp, so sollte auch ein High End Laufwerk möglichst wenig Laufgeräusche produzieren. Denn wenn die Schallplatte schon physikalisch bedingt Laufgeräusche produziert, sollte sich der Plattenspieler nicht lauter als nötig einmischen, sodass sich beides im schlimmsten Fall sogar hochschaukelt. Das Schallplattenmedium an sich schafft in der Regel maximal 65 dB Geräuschspannungsabstand. Ein Laufwerkt sollte deutlich darunter liegen. Wenn Sie also in einem Bericht über ein "High End Laufwerk" Werte von unter 70 dB "Rumpelabstand" lesen, auf zum nächsten Artikel bzw. Testkandidaten. Denn das sollte mit heutigen Technologien und Know-how immer möglich sein.

Unser hier porträtierter "Liebling" Reed Muse 3c hat einen Geräuschspannungsabstand von 78 dB, das ist ein absoluter Spitzenwert. Und das Einzigartige dabei: das schafft er mit einem Reibradantrieb! Ja, diesen Antrieb kennen wir von einigen absoluten Klassikern und auch heute noch höchst angesehenen Laufwerken: EMT, Garrard 301/401 oder dem 80.000 Euro teuren Garrard 501 zeitgenössscher Produktion. So ein alter Garrard 401, auch restauriert und aufbereitet, hat häufig Probleme mit diesem "Rumpeln". Das hat mit der geläufigen Konstruktion eines "Reibradlers" zu tun: Die Motorkraft wird via Gummirad, das oft direkt auf der Motorachse befestigt ist, auf den Plattenteller übertragen. Kommen Unregelmäßigkeiten am Reibrad hinzu, werden die Störgeräusche noch gesteigert, und das Ganze läuft zunehmend "unrund". Also statt Reibrad den Riemen und alles ist besser? Mitnichten: denn Reibrad-Plattenspieler liefern ein sensationelles Drehmoment. Sie sind deshalb in den Disziplinen Attacke, Durchzug und Grobdynamik führend.

Der intelligente Reibrad-Antrieb des Reed: perfekter Gleichlauf

Die litauischen Konstrukteure haben sich bei ihrem Referenzlaufwerk deshalb eine besondere Finesse einfallen lassen, um die Vorteile des Reibradantriebs mit absoluter Laufruhe zu kombinieren. Beim Reed Muse 3 c dreht sich nämlich nicht nur ein Reibrad, sondern es drehen sich deren zwei. Und beide sind auch noch unterschiedlich groß. Resultat dieses Kniffs: Horizontale Kräfte, die auf das Lager wirken, gleichen sich aus. Und das Polruckeln der beiden Gleichstrommotoren verteilt sich unregelmäßig, anstatt sich aufzuaddieren. Das Ganze noch mit einer via Quarz geregelten Motorelektronnik kombiniert, und ein Königsweg ist beschritten - finden wir jedenfalls!

Dass der Reed in 5 Minuten umgerüstet werden kann auf Riemenantrieb, ist innovativ und macht den Plattenspieler zu einem flexiblen Spielzeug. Liegt der Riemen an, klingt das Laufwerk ähnlich einem "großen Masselaufwerk", vielleicht einen Tick souveräner. Aber ganz ehrlich, wir lehnen uns mal aus dem Fenster: der Reibrad-Modus ist derjenige, der den Reed in unsere Herzen gespielt hat und mit dem der Unterschied zu anderen Laufwerken besonders deutlich wurde.

Ach so: manchmal kommt noch als Argument gegen Reibräder, dass sie sich schnell abnutzen aufgrund des hohen Anlauf-Drehmoments. Auch hier hat Reed mitgedacht: Der Muse 3c läuft mit kurzzeitig vermindertem Drehmoment an. Und nach Beendigung der Dreh-Session klappen die Reibräder zurück, werden also berührungsfrei "gelagert", bis der nächste Einsatz kommt.

Wer in den Genuss kommt, den Muse 3c bei uns probezuhören oder ihn sich selbst anzuschaffen, dem empfehlen wir, ab und an mit dem Ohr ganz nah ans Laufwerk zu gehen: Ruhe, absolute Ruhe. Ein tolles Gefühl!

Flexible Tonarm-Montage

Wenn man sich ein Laufwerk fürs Leben anschafft, sollte es sehr flexibel in Bezug auf die zu betreibenden Tonarme sein. Das ist der Reed Muse 3 c zweifellos: Die beiden Basen nehmen von 9,5 bis 12 Zoll jeden Tonarm auf; je nach Lagerposition funktionieren auch längere Kandidaten wie ein Kuzma 14 Zoll Arm. Die Montage ist denkbar einfach: wir lassen die passende Basis für Ihren Arm ohne Aufpreis von Reed anfertigen. Diese Basis ist dann auf einer Kunststoffplatte befestigt und über eine Rädelschraube drehbar. Die Kunsstoff-Platte ist wiederum mit dem hohlen "Edelstahlturm" verschraubt.

So hat man zwei perfekte Ausrichtungsmöglichkeiten, um die Tonarmposition (der Reed 3P gehört z. B. leicht schräg montiert, damit das Antiskating so funktioniert wie es soll) sowie den Montage- und "Peer-to-Spindle-Abstand" via Schablone exakt einzustellen. Wir verwenden hier den SMARTractor von Acousical Systems, aber Reed liefert für die eigenen Arme eine sehr gute Schablone mit (ganz neu im Programm). Ganz interessantes Detail: die Basis wird mit einem Massekabel verbunden. Wir hatten tatsächlich keinerlei Probleme mit Brummschleifen o. Ä., was gar nicht so selbstverständlich ist, auch in dieser Preisklasse.

Unsere Musik-Testläufe haben wir im Übrigen mit dem Reed 3P, dem Aquilar von Acoustical Systems sowie einem Clearaudio Tracer gestaltet, als Tonabnehmer kamen ein Soundsmith Hyperion, ein My Sonic Lab Eminent GL, ein Denon 103 R sowie ein Audio Technica AT-SA33 mit Shibata-Schliff zum Einsatz. Mitspieler war unser ebenfalls geschätzter Dr. Feickert Firebird sowie ein Kenwood KD-750, den wir ebenfalls mit dem Aquilar betreiben konnten (und der eine wirklich tolle Performance ablieferte).

Design trifft Funktion: Erscheinungsbild und Materialien des Reed Muse 3c

Am Design scheiden sich die Geister, so viel ist sicher. Der Reed Muse 3c, obwohl zurecht ausgezeichnet mit dem Red Dot Design Award, ist nicht jedermanns Sache. Es gibt eben viele, die den klassischen Reihenhausaufbau mit kleinem Klo links, Küche rechts und Wohnzimmer geradeaus, mit Schöner Wohnen Einbauschrank und Zinnkrügen im Glasregal zeitlos schön finden. So kommt es schon mal vor, dass ein geschmacklich anders Empfindender das Reed Laufwerk als "Kochtopf" bezeichnet. Wir dagegen bewundern sein beeindruckendes, symmetrisches und majestätisches Aussehen. Vor allem, weil sich das Erscheinungsbild aus konsequenten Überlegungen zu Resonanzvermeidung und bester Performance ableitet.

Auch die grün leuchtenden Lämpchen (bzw. die eine leuchtende Lampe) am Teller, die einem die Gewissheit geben, dass der Muse 3 c mit exakter Solldrehzahl unterwegs ist, sind wohl durchdacht: Die Tellerperforation bildet eine von hinten grün beleuchtete Stroboskopscheibe. Abstellen kann man die Beleuchtung trotzdem. Genau wie die vier Lämpchen auf der rechten Seite, die erst ausgehen, wenn der Reed genau im Wasser steht. Die Bewertung fällt dabei so exakt aus, dass man schon ein paar Minuten oder manchmal eine Viertelstunde einplanen sollte, wenn einem die plane Lage viel wert ist.

Der Teller des Muse 3c besteht übrigens nicht aus reinem Edelstahl (er ist nur eingefasst mit einem Band dieses Materials), sondern aus POM. Damit ist er auch kein Schwergewicht, sondern wiegt unter 3 kg. Dafür ist der "Subteller" (eigentlich ist es kein Subteller, sondern Teil des wartungsfreien Lagers) sehr massiv ...

Die gesamte Verarbeitung ist hochklassig und zeugt von der Ingenieurskunst der litauischen Manufaktur. Alles ist hier durchdacht und mit wertigsten Materialen umgesetzt. Hier ein ganz spaßiges Konstruktionsvideo, wie die vielen Einzelteile zum großen Ganzen werden:

Klangliche Eindrücke vom Muse 3c

Beim Hören mit den verschiedenen Tonarm-Tonabnehmer-Kombis waren einige Dinge immer gleich faszinierend:

  • Die enorme Laufruhe des Muse 3c, die Schwärze im Hintergrund, die er zu zelebrieren weiß. Auch 45er Pressungen, per se mit etwas mehr Laugeräuschen versehen, erhielten vom Muse 3c einen zusätzlichen Maulkorb. Gerade bei klassischen Aufnahmen kommt diese Eigentschaft besonders zum Tragen. Beethovens Mondscheinsonate und das Hammerklavier mit Murray Perahia am Klavier (Dt. Grammophon, 47999919) war einfach nur wunderschön.
  • Die faszinierende (Grob-)Dynamik, der Zug, die Schnelligkeit, der Druck und die Attacke, die unsern Spaßfaktor in die Höhe trieb. Wenn AC/CDs "For those about to rock" oder Black Sabbaths "Loner" aufgelegt wird, bekommt man Schläge in den Magen, Kribbeln am Körper und feuchte Augen in einem.
  • Die Fähigkeit, die Eigenschaften von Tonarm und v. a. Tonabnehmer herauszuschälen und aus jeder Kombo das Maximum herauszuholen. Wir hatten jeweils das Gefühl, die montierten Kandidaten nie mitreißender gehört zu haben. Der Shibata-Schliff des Audio Technica zeichnete sehr exakt, ohne auch nur im Ansatz sensibler auf Staub zu reagieren (was selbstverständlich auch der perfekten Montage geschuldet ist). Das Soundsmith Hyperion überzeugte wie immer mit großer Natürlichkeit und Anfassbarkeit, gerade in den Präsenz-Stimmlagen. Und das My Sonic Eminent GL klang schlichtweg sensationell und war im Bass die Nummer eins. Anscheinend holt der Reed Muse 3c aus jedem Tonabnehmer das Maximum heraus.
  • Diese ganz persönliche Note, die den Muse 3c (mit Reibrad-Antrieb wohlgemerkt), einen kleinen, aber entscheidenden Tick aus der vollkommenen Neutralität bugsiert. Der Reed spielt nicht analytisch ab, der reißt mit. Er verleiht vielen Stücken mehr Spannung, mehr Feuer, mehr Intimität und mehr Intensität.

Traumkombinationen

Traumkombinationen waren für uns der Acoustical Systems Arm mit dem My Sonic Lab Emincent GL sowie der Reed 3P mit dem Audio Technica AT SA-33. Die letztere, insgesamt "günstige" Kombi, war ob ihrer Performance wirklich beeindruckend. Wer also die Philosophie besitzt, für ein Verschleißteil namens MC Tonabnehmer nicht exorbitant viel Geld in die Hand zu nehmen, wird mit dem Reed Muse 3c ideal bedient.

Fazit Reed Muse 3c

Der Reed Muse 3C ist für uns preisunabhängig eines der bestklingenden Plattenspieler-Laufwerke am Weltmarkt. Die Kombination von höchster Laufruhe, faszinierender Grob- und Feindynamik, perfektem Timing sowie mitreißender Musikalität macht ihn zu unserem absoluten Laufwerksliebling.

Reed Muse 1c: gleiche Stärken des kleinen Bruders

Und das Schöne: der Reed Muse 3c hat einen kleinen Bruder namens Muse 1c bekommen. Er besitzt - insbesondere in der Reibradversion (hier ist kein Umschalten möglich) - die gleichen tonalen Eigenschaften. Dazu hat er eine klassische Form und spricht visuell deswegen vielleicht eine breitere Klientel an. Zu guter Letzt ist er rund 4.000 Euro günstiger. Wenn man also auf einen zweiten Tonarm verzichten kann: der Muse 1c ist eine Top Alternative, und natürlich erhalten Sie auch dieses Traumlaufwerk bei Bohne Audio.

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2018-05-25T13:04:05+00:00 1. Mai 2018|Analog, Gerätschaften, Meinung|